hard working / soft working

Projektstipendium KunstKommunikation 21 | DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst 2021

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Zwischen den Polen hart und weich, statisch und dynamisch, unbelebt und beseelt entfaltet sich das Projekt »hard working / soft working« der Künstlerin Julia Arztmann. Ausgangspunkt für die ortsgebundene Arbeit ist das 1256 gegründete Zisterzienserinnenkloster im nördlichen Münsterland, das seit 2004 als DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst zeitgenössische, spartenübergreifende Kunst im Spannungsfeld ortsspezifischer Setzungen und historischem Kontext präsentiert.

Ein besonderes Format und Herzstück des Kunsthauses stellt das deutschlandweit einmalige Projektstipendium KunstKommunikation dar, das getreu der Namensgebung auf partizipative Kunstprojekte und prozessorientierte Interventionen ausgerichtet ist. Eingeladen als Projektstipendiatin 2021 setzt die Künstlerin ihren Fokus auf einzelne Elemente der historischen Klosterarchitektur, die Impulsgeber für narrative, humorvolle und absurde Objekte werden. Sie arbeitet an den Schnittstellen von partizipativer Kunst und Theater, Bildhauerei und Performance. Arztmann verbindet fragmentarische Motive der »harten« Architektur und metallene, vor Ort durch einen Spendenaufruf gesammelte Haushaltsgeräte mit »weichen« Stoffen. Mit der Rückbeziehung auf den industrie-geschichtlichen Hintergrund der Gravenhorster Eisenhütte verknüpft sich die zeitgenössische künstlerische Auseinandersetzung mit der ortsspezifischen Geschichte.

Das künstlerische Schaffen von Arztmann ist geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit Volumen und Körperhaftem, einem intuitiven und gleichzeitig präzisen Einsatz von (textilen) Materialien und ihren sensorischen Qualitäten. Das Textil mit seinen zahlreichen Facetten der Haptik, Elastizität, Oberflächenstruktur und Farbgebung fungiert hierbei als bildhauerisch-plastisches Material. Real existierende Gegenstände, Objekte und Formen unserer alltäglichen Lebenswelt transformiert die Künstlerin in neue Kontexte, verschiebt Größenverhältnisse und öffnet den Raum für neue Nutzungs- und Zweck-Zuschreibungen. Auch in »hard working / soft working« entstehen Objekte, die die Erinnerungen an Bekanntes in sich tragen und parallel in ihrer Dimension und haptischen Beschaffenheit irritieren. Deutlich wird hier das zutiefst intuitive Gespür der Künstlerin für das Zusammenspiel der Textilien: Wo metallisch schimmerndes Kunstleder auf die optische Weichheit von Samt und die strukturelle Tiefe von gestepptem, wattiertem Musselin auf glänzendes, lichtreflektierendes Satin treffen – dort offenbart sich das Selbstverständnis von Arztmann als textile Bildhauerin. Zugleich thematisiert das Wechselspiel der eingesetzten Materialien die Frage nach dessen Authentizität und lässt uns nachspüren, bis zu welchem Grad unsere visuelle Wahrnehmung tragfähig ist.


In dieser Art und Weise übersetzt die Künstlerin im Laufe des Projektjahrs zahlreiche architektonische Fragmente in Objekte, die in ihrer künstlerischen Modellierung ein humoristisches Eigenleben mit narrativem Potential entwickeln. Sie werden in Form (un)tragbarer Kostüme und sonderbarer Requisiten Ausgangspunkt für Performances auf dem Klostergelände. Inspiriert von den örtlichen Gegebenheiten entwickelt Arztmann die Protagonisten »Churchy« und »Super-Gravi« sowie den Antagonisten »Rübi the Crab«. Entsprechend der partizipativen Projektausrichtung finden sich in einem offenen Aufruf mit Juliane Beier und Katrin Rieken zwei am darstellerischen Mitwirken interessierte Laien aus der lokalen Umgebung.


Im gemeinsamen Austausch und Erproben der charaktereigenen Gesten und Verhaltensmodi erwächst nach und nach eine Geschichte, bevölkert von lebenden Skulpturen, eigentümlichen Apparaturen und beseelten Objekten. Diese mündet in den Kurzfilm »Churchy & Super-Gravi – TEATIME« und erzählt auf humoristisch, absurde Weise von den urmenschlichen Themen Freundschaft, Verlust, Angst und Hoffnung. Die Handlung und das Beziehungsgeflecht der

Charaktere vermitteln sich insbesondere über eine extrem körperbetonte Gestik und die Modulation einer erfundenen Lautsprache. Mit der Rückführung der künstlerisch überformten Architekturelemente als belebte, dynamische Skulpturen in den realen Raum und zugleich in ein slapstickhaftes Geschehen gelingt Julia Arztmann ein humorvolles Werk, das, ohne seine Bedeutsamkeit zu verlieren, zum Schmunzeln und Mitfühlen einlädt.

Text: Sara Dietrich, stellvertretende Leiterin DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst | Foto: Michael Jezierny